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Star Trek Beyond – Rezension

Wer den Film nocht nicht gesehen hat, sollte noch mit dem Lesen warten.

Der getragene Anfang von Star Trek Beyond besticht ungemein: Die Crew der Enterprise ist nach drei Jahren der berühmten „5-Jahres-Mission“ müde geworden, aber jeder gibt sein Bestes. Das Präludium zu >Star Trek Beyond versteckt hier nebenbei eine wichtige Tatsache: Wir befinden uns nun in dem Bereich zum Ende der ersten 3 Jahre der Original-Crew!

Kirk selbst zweifelt langsam aber sicher daran, ob er nur Captain geworden ist, um sich zu beweisen, dass er es kann oder ob er aus Überzeugung den Platz in der Mitte eingenommen hat. Dies wird besonders in einem warmherzigen Gespräch zwischen Kirk und McCoy deutlich, welches an jenes zu Anfang von Star Trek II erinnert. Es bringt einen nicht nur zum Schmunzeln, man kann Kirks Überlegungen durchaus nachvollziehen. Symptomatisch wird dieser innere Konflikt darin deutlich, dass sich Kirk auf einen Verwaltungsposten auf der Yorktown-Sternenbasis beworben hat. Leider wird dieser Handlungsstrang später mit einem relativ oberflächlichen „Ich will doch lieber in den Weltraum, weil es mehr Spaß macht“ aufgelöst. Hier hätte ich mir eine nachvollziehbarere Schlüsselsituation im Film gewünscht, in der ich als Zuschauer gemerkt hätte, dass es bei Jim Kirk „Klick“ macht und er erkennt, dass sein Herz für die Enterprise und die Erforschung des Weltraums schlägt. Kam leider nicht. Oder habe ich sie nur verpasst? Gleichwohl eine vergebene Chance.

Dem Gespräch folgt der Besuch der Raumstation „Yorktown“. Gänsehaut pur wird mit einer nicht zu schnellen Kamerafahrt, begleitet von einem wundervollen Score, über die diversen Ebenen der Station erzeugt! 

Auf der Raumstation rückt zunächst Spock ins Zentrum des Geschehens: Einerseits hat Uhura, die – wie die ganze Crew – etwas älter geworden ist, mit Spock Schluss gemacht, andererseits erfährt Spock von vulkanischen Abgesandten vom Tod seine Alter Egos: Der „Ur-Spock“, aus der Kelvin-Zeitlinie, ist auf Neu-Vulkan verstorben. Dies ist die erste Verneigung vor dem großen Leonard Nimoy, der am 27. Februar 2015 gestorben ist. Die Trauer um Ur-Spock und Leonard Nimoy existiert in diesem Moment – und später unerwartet abermals – merkwürdig aufrichtig nebeneinander – sowohl bei dem Schauspieler Zachary Quinto als auch seiner Rolle.
Spock, der sich nunmehr fragt, ob er auf Neu-Vulkan die Arbeit des verstorbenen Botschafters fortsetzen soll, erfährt im nun aufkommenden Abenteuer, dass Captain Kirk ihn braucht und dass es zwischen Uhura und ihm noch etwas gibt, worum es sich zu kämpfen lohnt…
Kurz nach Ankommen auf der Yorktown erfährt man auch, nebenbei, dass Sulu homosexuell ist. Und es ist kein „Thema“, sondern ganz normal. Sehr fortschrittlich, was Star Trek immer ausgezeichnet hat.
Begleitet wird schon der Anfang – wie bemerkt – von ganz neuen, tollen Klängen des Komponisten Michael Giacchino. Seine Musik zum dritten Stark Trek Abenteuer, atmet, wie der ganze Film Bereitschaft zur Veränderung und geht mutig dahin, wo zumindest er noch nie gewesen ist. Vermutlich sein bester Star Trek Score, der stellenweise ein wenig an Jerry Goldsmith erinnert (Instrumentalisierung), aber auch ganz eigene Themen einbringt. (Ist als CD leider erst im August erhältlich).

Die eigentliche Handlung rankt sich um die Backstory von Krall. Er ist nicht der, der er zu sein scheint. Eigentlich ist er nur ein ehemaliger Soldat (MACO -> siehe „Enterprise“), der gebraucht wird und darum einen Krieg anzetteln will. Diese Backstory ist interessant und zeigt eine gewisse konservative, „kriegsbereite“ Einstellung. Für ihn ist Frieden und Offenheit gegenüber fremden Rassen an sich schon der falsche Weg, ohne auch nur ansatzweise darüber nachzudenken. Im Gegenteil: Seiner Ansicht nach kann die Menschheit nur angesichts des Krieges stark sein! Der Zusammenhalt sei Schwäche! Merkwürdig, dass er das denkt. Für Soldaten, meine ich, ist Zusammenhalt auch nicht gerade unwichtig…
Wäre Star Trek Beyond der zweite Teil des Reboots, wäre diese Handlung für mich ziemlich großartig gewesen, aber wir hatten schon Into Darkness mit einem Kriegsbesessenen: Dessen Name war Admiral Marcus. Gleiches Thema, anderes Motiv? Nebenbei sei die Frage gestattet, wo Carol Marcus geblieben ist.
Was wäre gewesen, wenn Krall einfach ein Alien mit Fremdenhass gewesen wäre? Quasi als Allegorie auf die Fremdenfeindlichkeit unterhalb der Menschen? Wenn er einfach feindlich gegen alles Neue gewesen wäre, wenn er nicht an den Frieden zwischen unterschiedlichen Wesen geglaubt hätte?

Auch, wenn Krall am Ende nichts als ein alter Soldat ist, der meint sein Lebenssinn – der Krieg – müsste der Lebenssinn jedes Menschen sein, beinhaltet der Film eine Menge, was Beachtung verdient: Die Holografie-unterstützten Kämpfe machen Spaß! Die Wortgefechte zwischen Spock und McCoy erinnern an die gute alte Zeit der Originalserie, der Charakter der fremden Jaylah ist interessant und zeigt im Kleinen, was „IDIC“ bedeutet. Wenn ihre Musik gen Ende als Waffe eingesetzt wird, kommt unerwartet ein echtes Hochgefühl auf. Insgesamt bekam jedes Crewmitglied einen starken Auftritt.
Die Actionszenen sind teilweise vielleicht etwas zu lang und konfus, besonders, wenn man den Film das erste Mal sieht. Die Ideen hinter den Actionszenen sind abenteuerlich und schön anzusehen, – d.h. soweit man erkennt, was man gerade sieht. Dazu kommt, dass der Film teilweise recht dunkel gehalten ist, was es nicht leichter macht, den rasanten Actionsequenzen zu folgen.

Fazit:
Dieser Film ist mit viel Liebe und Hingabe geschaffen worden und vereint das, was heute als Standard für gute Popcorn-Unterhaltung angesehen wird, mit dem, was wir aus den TV-Serien kennen. Sowohl die Schauspieler als auch die fiktive Crew ist deutlich zusammengewachsen und zeigt ihre tiefe Freundschaft zueinander. Seit dem Beginn des Reboots 2009 ist dies der erste Film, der sich wirklich wie Star Trek anfühlt. Es wurde auch Zeit. Zwar war noch verständlich, dass die Charaktere sich in dem ersten J. J. Abrams-Film erst einmal finden mussten, aber meiner Ansicht nach hätte ein Film wie Beyond schon 2013 auf der Leinwand landen dürfen.
Ich hoffe, man wird sich besinnen und nun noch einen Schritt weiter in die unendlichen Weiten tun, dorthin wo wirklich noch kein Mensch, auch kein Edison, gewesen ist.

Matthias Wieprecht
Matthias Wieprecht
Matthias ist seit etwa vier Jahrzehnten großer SciFi-Fan, glücklich geschiedener Vater zweier toller Söhne. Außerdem ist er Captain des Trekdinner Hildesheim. Das Schreiben von Berichten, Reportagen, Rezensionen – also alles was die Themen im Insider hergeben, liebt er und ist seit dem FedCon Insider #12 (Dezember 2014) aktiv als Redakteur mit dabei.